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Besuch

Veröffentlicht: 20.04.2016 um 09:06 von Angela67

Wie lange ist es her? Nicht lang genug, um den Schmerz zu verdrängen. Nicht lang genug um die Tränen zu trocknen. Nicht lang genug um zu vergessen. Nicht lang genug um nicht zu schauen, ob er da ist. Das ist der Tag heute. Das war der Tag gestern. Und dies wird der Tag morgen sein. Wie lange noch? Das weiß ich nicht.

April. Es ist kalt. Es hätte ihm nicht gefallen. Das weiß ich. Seine Domäne waren warme sonnige Tage. Nach einem Leben auf der Straße auf der Schattenseite des Lebens wusste er einen warmen Kamin zu schätzen. So wäre dieser April zu kalt für ihn gewesen. Dieser eine Tag. Dieses heute, in dem ich mich, seine Frau die, sich befindet.

Ich war nach einem langen Tag nach Hause gekommen. Wie immer - wie immer noch - wie immer auch in der Zukunft fahre ich vorsichtig auf den Parkplatz. Achte darauf, ihn nicht zu überfahren, hatte er doch die Angewohnheit, mir fast unter die Räder zu laufen. Seine O-Beinchen fest in den Boden gestemmt, die ungnädigen gelben Augen starr nach vorn gerichtet, ein Ohr verkrüppelt, das andere zerfetzt, Sabber aus dem schief stehenden Maul tropfend. Die Stimme, welche Kreide auf einer Schiefertafel glich, übertönte immer - ich schwöre es euch - meine Musik - die durch den Ort dröhnte.

Meine Vorsicht ist umsonst. Er ist nicht mehr da. So parke ich. Packe meine Sachen und gehe ins Haus. Bright und Seymour erwarten mich. Natürlich. Sie gibt es noch. Ob sie ihn vermissen? Fragte man Bright? Lieber nicht. Ihre Meinung kenne ich. Seymour? Unseren Binärkater? Freundlich war er zu ihm. Ja. Aber nun gibt es - zumindest glaubt Seymour es - mehr Futter - und das ist es was für ihn zählt.

Kaum, dass ich mich etwas zu Hause eingefunden habe - klingelt es. Besuch? Ich erwarte keinen. So entscheide ich erst mal - an diesem Tag - das Klingeln zu ignorieren. Auf Vertreter, welche mir gekühlte Pizzen oder sonst etwas verkaufen wollen - habe ich gerade so gar keine Lust. Die Sekunden tropfen in der Zeit. Formen sich zu einem Ton - ein erneutes Klingeln an der Haustür. Drängend. Und irgendwie so, als wäre das Klingeln näher gekommen - die Haustür geradewegs neben mein Ohr gewandert.

Und eines noch passiert - auch wenn ich nicht will - meine Füße entscheiden anders - lassen mich zur Haustür schreiten. Meine Hände öffnen - obwohl ich mich sträube - die Tür. In dieser nun ein alter Mann. Steht er da. Einen Hut auf den weißen Haaren. Der Anzug passgenau und teuer. Sitz perfekt. Hinter der modernen Brille erkenne ich intelligente Augen.

Er schaut sich um als ich die Tür öffne. Sein Blick fällt auf die Koniferen der Nachbarn. Auf den Strauch im Vorgarten, der gerade grün wird und seine ersten Blüten bekommt. Das - die Stimme klingt sanft aber bestimmt mit einer gewissen Schärfe - mochte er. Hier habe ich ihn häufig genug gefunden, wenn ich ihn suchte. Er gluckst etwas, was etwas merkwürdig wirkt bei einem Mann wie ihm. Lag er - er lacht nun offen - dort unter diesem Strauch im Rindenmulch - liess sich die Sonne auf den Pelz braten und zeigte mir seine Stinkepfote.

Meine Verwirrung muss er mir angesehen haben - dieser Mann. Lassen Sie uns - er betont diese Worte langsam - ins Haus gehen. Und wieder - ich will nicht - ich sträube mich - ich gebe den Weg ins Haus frei. An mir vorbeischreitend nehme ich seinen Geruch wahr - leicht harzig. Nicht unangenehm. Eine leichte Kälte erreicht mich und lässt mich schaudern.

Im Wohnzimmer - von Bright und Seymour keine Spur zu sehen. Ach ja - es scheint, er kennt meine Gedanken - wundern Sie sich nicht. Seymour und Bright kennen mich. Er lacht nun wieder als hätte er einen Witz gemacht, den ich kennen müsste. Aber - setzt er hinzu - wegen den beiden bin ich nicht hier. Irgendwie glaube ich, er möchte mich beruhigen. Ein Versuch, der nach hinten los geht.


Er schaut sich nun um. Langsam. Nimmt alles in sich auf. Aha! Das Wort knallt in die Stille. AHA und das Ausrufezeichen. Klar und deutlich zu hören. Aha! Also. Hier hat er mir ein Schnäppchen geschlagen. Der Stimme fehlt es nun an jedlicher Freundlichkeit. Grausam ist sie. Zumindest etwas.

Wer - ich schaffe es endlich zu Wort zu kommen - sind Sie? Entschuldigen Sie - meint er. Aber ich erkenne - von einer Entschuldigung ist er weit entfernt. Ich bin das Schicksal. DAS Schicksal - von vielen. Aber DAS Schicksal, welches für ihn verantwortlich war. DAS Schicksal, welches eine Art Wette mit ihm am Laufen hatte. DAS Schicksal, welches ihm halbtot ein Zuhause versprach und ihm sagte, er könnte dort so lange bleiben, wie er es schafft am Leben zu sein.

Nun verstehe auch ich. Nun wird mir vieles klar. Meine Beine versagen mir den Dienst. Nicht mehr fremdgesteuert knicken sie ein und ich sinke auf den nächsten Stuhl. Tränen in meinen Augen verschleiern den Blick auf diesen Mann - dieses Schicksal.

Ich musste - erklärt er mir ungefragt - auch wenn mir die Frage auf der Zunge brennt - diese Frage nach dem Warum sind Sie hier - schauen und verstehen - wie er mir so lange hat entkommen können. Geplant war, dass er Sie - seine Frau die findet und sie - seine Frau die - nach ein paar Tagen schon verliert. Aber es war nie die Rede davon - dass er es bei Ihnen fast an die 6 Jahre aushält. Dem Tod - seinem Schicksal - welches ich für ihn bereithielt - einem frühen qualvollen Tod - ständig von der Schippe sprang.

Er zieht sich einen Stuhl heran. Nimmt Platz. Der Raum wird kalt. Schicksale sind nie warmherzig. Ungnädig teilweise. Etwas gnädiger hin und wieder. Aber nie warm. Ich friere. Von Bright und Seymour immer noch nichts zu sehen. Verständlich - denke ich. Am liebsten verkrümelte auch ich mich.

Dieses Tier - das Schicksal vor mir seufzt heftig - hat mich zum Gespött der Menschen und meines gleichen gemacht. 6 Jahre ist es davon gelaufen. 6 ganze Jahre hat es mir getrotzt. Wenn ich mich hier so umschaue - und mit dem vergleiche was er hatte bevor er Sie fand? Ich verstehe nun. Verstehe nun seine Kraft. Seine Hartnäckigkeit.

So sitzt es hier - dieses Schicksal. An meinem Tisch. Schaut sich um. Sie - er wendet sich mir zu - möchten wissen wie es ihm geht? Ich nicke wortlos. Persönlich gesehen habe ich ihn nicht - mein Werk ist auf Erden im Leben. Aber soweit ich weiß - geht es ihm gut. Er nervt dort, wo er ist, alle Anwesenden. Das Schicksal lacht. Und wenn es ginge, die dort wo er ist, schickten ihn nur zu gerne wieder zu Ihnen.

Das Schicksal schweigt nun. Denkt nach. Ich sehe es. Wenn - ein paar Minuten sind vergangen - ich nochmals eine Wette eingehe und eine verlorene Seele zu Ihnen schicke - dann wird meine Wette anders lauten. Mindestens 10 Jahre. Und auch dieser verlorenen Seele werde ich dann Steine in den Weg legen, die sich sehen lassen können. Er lacht nun - etwas unangenehm.

Ein Augenblinzeln - und ich bin allein. Nur die Kälte erinnert an seinen Besuch.

In einer Welt, die schwarz aber nicht düster ist - wo ein Kristallwald seine Lieder singt - steht ein Haus. Dieses Haus beherbergt das Archiv der besonderen Menschen. Dort finden wir Ms. Swift die Archivarin hinter ihrem Schreibtisch. Ein Klingeln kündigt eine neue Rohrpost an. Ein neuer besonderer Fall für einen besonderen Menschen aus ihren Karteikarten. Sie entnimmt die Nachricht aus der Rohrpost. Liest sie - steht auf - und entnimmt - als wüsste sie genau - wen sie sucht - eine Karteikarte den Kästen welche die gesamte Wand einnehmen.
Kategorie: Kategorielos
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Kommentare 2

Kommentare

  1. Alter Kommentar
    Avatar von würmchen
    Nach dem ich erst mal geheult habe, kann ich nur sagen

    "Danke"
    Ich freue mich nach der langen Pause wieder diese lebensnahen Geschichten lesen zu druerfen.
    Durch deine wunderschönen Erzählungen wirkt alles so lebendig.
    Liebe Grüsse
    Veröffentlicht: 21.05.2016 um 09:14 von würmchen würmchen ist offline
  2. Alter Kommentar
    Avatar von Mohrle

    Besuch

    Liebe Angela
    zum Zweitenmal hab ich heute vom " Schiksal "
    gelesen und die Tränen kamen wieder wie im
    April

    An dich schreiben kann ich erst Heute um dir zu danken ,für diese letzte und alle vergangenen
    Streifentier Geschichten
    Veröffentlicht: 20.10.2016 um 22:36 von Mohrle Mohrle ist offline
 


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